viernes, 15 de abril de 2016

Dave Liebman & Richie Beirach - Balladscapes (2016)




Fast 50 Jahre. Eine Ewigkeit. Lyndon B. Johnson war damals noch Präsident, die Beatles standen zum letzten Mal bei einem Konzert auf der Bühne und der Film „My Fair Lady“ erhielt acht Oscars. Ein halbes Jahrhundert. So lange kennen und schätzen sich Dave Liebman und Richie Beirach schon als Menschen und Partner. Der heute 69-jährige Sopran- und Tenorsaxofonist und sein 68-jähriger Partner am Piano lernten einander bei einer Jamsession im Queens College in New York kennen. Zwei hungrige Studenten, berauscht, euphorisiert und inspiriert von all den Jazzgrößen, die für die Musiker jener Zeit den Horizont weiter nach hinten rückten.

Die beiden trafen sich regelmäßig. Entweder in Liebmans Loft an der 19. Straße in Manhattan oder in Beirachs Bude an der Spring Street. Der eine half dem anderen dabei, ein eigenes Vokabular herauszuarbeiten. Sie spielten, meist Freejazz in Stile des späten Coltrane, probierten alles Mögliche aus, ließen sich fallen und fanden allmählich einen gemeinsamen inneren Puls. Manchmal kam auch der Bassist Frank Tusa vorbei und ergänzte die kreative „Hanging Out“-Beziehung. Es sollte allerdings noch bis 1973 dauern, ehe die Seelenverwandten ihre erste gemeinsame Platte aufnahmen. Liebman war gerade mit Miles Davis in Japan unterwegs, als er Beirach traf, der sich just zur selben Zeit mit Stan Getz auf Tour befand. Zusammen mit Jack DeJohnette und Dave Holland nahmen sie schließlich Liebmans Debütalbum „First Visit“ auf.

Ein Song aus jener Session blieb den Freunden bis heute im Gedächtnis: „Round Midnight“. Das allererste Duett von zahllosen, die in den nächsten 43 Jahren folgen sollten, entweder bei Liveauftritten mit den Bands Lookout Farm und Quest oder aber anderen gemeinsamen Projekten. „Denn ein Duo“, erklärt der legendäre Produzent Michael Cuscuna in den Linernotes zu „Balladscapes“, „ist die wohl reinste und direkteste Form des musikalischen Dialogs. Es schenkt den Beteiligten eine ganz bestimmte Form von Freiheit, die sie für scheinbar endlose Solos voller Farbigkeit, Emotionalität und Tiefe nützen können und sich irgendwann darin verlieren. Alles, was Dave und Richie zusammen machen, besitzt enorm viel Substanz und Intelligenz, völlig unabhängig vom jeweiligen Kontext oder Genre.“

Obwohl Dave Liebman und Richie Beirach in den zurückliegenden Jahrzehnten ihre musikalischen Zwiegespräche regelmäßig mit Balladen anreicherten, ist „Balladscapes“  doch das erste reine Balladenalbum auf einem langen gemeinsamen Weg. Wer die musikalische Vita der Abenteurer jedoch kennt, der ahnt bereits, dass auch dieser Exkurs mitnichten automatisch auf dem glatt asphaltierten Mainstream enden muss. Die 13 im CMP-Studio in Zerkall aufgenommenen Songs beinhalten sowohl einige neue und alte Originalkomposition wie „Quest“ oder „Kurtland“, aber auch unorthodoxe Bearbeitungen von Johann Sebastian Bach („Siciliana“), Kurt Weill („This Is New“), Antonio Carlos Jobim („Zingaro“), Wayne Shorter („Sweet Pea“), Billy Strayhorn („Day Dream“) und natürlich John Coltrane („Welcome/Expression“). Dabei öffnet sich ein reiches, weites Feld, auf dem sich der Sopransaxofonist, der hier außerdem zum Tenorsaxofon sowie zur Flöte greift, und der Pianist im eingespielten, vertrauten, aber stets würdevollen Zwiegespräch nach Herzenslust aneinander reiben, ineinander verschränken und gegenseitig aufrichten können.

„In jeder meiner bisherigen Bands, an denen Richie beteiligt war, besaß er die Funktion eines Ankers, mehr als jeder Bassist und jeder Schlagzeuger“, preist Dave Liebman die besonderen Qualitäten Beirachs. „Denn seine Time ist einfach perfekt!“ Und so basiert das Zusammenspiel auch auf „Balladscapes“ auf einer inneren Symmetrie, die nur Menschen miteinander entwickeln können, die sich kennen und mögen. Seit fast einem halben Jahrhundert.

Two real jazz legends - saxophonist Dave Liebman and pianist Richie Beirach - join forces in this duet, playing ballads in the smallest possible band constellation.

Over the years, these two have used ballads in their performances and recordings, but this is the first all-ballad album they've done. And it's quite unusual in its approach. The program offers some originals (new and old), but includes far-ranging material from Bach, Weill, Jobim, Strayhorn, Shorter and Coltrane. Beirach and Liebman take fewer liberties with the material that one might expect and the music is better off for that restraint. This is a gorgeous, mesmerising chamber music recital. And like all great music, it bears fruit with every repeated listening.

April 15, 2016

Dave Liebman, soprano and tenor sax, flute
Richie Beirach, piano

Siciliana (J.S. Bach)
For All We Know (Fred Coots)
This Is New (Kurt Weill)
Quest (D. Liebman, R. Beirach)
Master of the Obvious (D. Liebman)
Zingaro (Antonio Carlos Jobim)
Sweet Pea (Wayne Shorter)
Kurtland (D. Liebman, R. Beirach)
Moonlight in Vermont (Karl Suessdorf)
Lazy Afternoon (Jerome Moross)
Welcome/Expression (John Coltrane)
DL (R. Beirach)
Day Dream (Billy Strayhorn, Duke Ellington)

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